petit blog BRANCHE &
BRANCHITUDE

WIE WAR DAS NOCH? GRAFISCHE ARBEITEN OHNE COMPUTER…

Die meisten von Ihnen werden das Internet nicht mehr missen wollen. Eine Information auf die Schnelle, E-Mails abrufen oder online bestellen. Gab es ein Leben vor der digitalen Mobilität und dem allgegenwärtigen Netz? Und wie hat man ohne Computer in der Werbung gearbeitet, als es noch Schriftsetzer, Druckvorlagenhersteller und die Lithoanstalt gab?
Um es vorwegzunehmen – langsamer, zumindest was die Produktionszeit zwischen Entwurf und Fertigstellung eines Auftrags betraf. Noch lange bevor der erste Classic Mac und das Programm Pagemaker das Licht der Welt erblickten, wurde natürlich auch layoutet und reingezeichnet – nur manuell. Der Arbeitsplatz in der Agentur war ausgestattet mit Reißbrett, Schiene und Winkel. Eine handvoll Rapidographen unterschiedlicher Stärke erlaubten sehr akkurate Zeichnungen mit Kurvenlinealen. Klebstoffe zum Pinseln oder Sprühen, Skalpelle und selbst ein Fön waren die Arbeitsmittel der Wahl.
So wie heute eine neue Datei angelegt wird, wurde damals auch für jedes Projekt ein Karton geschnitten und mit Pass- und Schnittmarke versehen. Für ein Layout wurde die Anzahl der Worte aus den Manuskripten sorgfältig gezählt und die Textmenge in gewünschter Schriftgröße und Schriftart aus einem Blindtextbogen ausgeschnitten und auf das Layout geklebt. Nach Vorgabe wurden die Textfahnen beim Setzer bestellt.
Ja damals war die Welt noch in Ordnung. Der Texter textete, der Grafiker layoutete, der Schriftsetzer im Hause Lichtsatz Wallier setzte den Text (natürlich in fehlerfreiem Deutsch), ein, zwei Tage später flatterten die Textfahnen ins Haus und die Arbeit konnte weitergehen.

Kleine Textmengen wurden in der Agentur selbst erstellt. Für die kurze Texte und Headlines gab es ein spezielles Gerät in einem kleinen abgedunkelten Raum, das Titelsatzgerät. Das Zubehör: eine Fülle von Alphabetschienen in verschiedenen Schriftarten. Es gehörte schon etwas Augenmaß dazu, hiermit eine schöne, ausgeglichene Headline zu setzen. Ähnlich wie ein Diaprojektor strahlte das Gerät Buchstabe für Buchstabe auf einen kleinen Arbeitstisch, der sich mit Rädchen waagerecht und senkrecht bewegen ließ. Auf dem Tischchen befand sich lichtempfindliches Papier. Nun wurde der gewünschte Buchstabe per Fußschalter ausgelöst und für eine Sekunde auf das Papier belichtet. Mit ein wenig Fotoentwickler betupft wurde der Buchstabe nach kurzer Zeit sichtbar und man konnte nun die Alphabetschiene zum nächsten Buchstaben weiterdrehen.
Dauerte so etwas nicht unheimlich lange? Allerdings. Es konnten schon mehrere Stunden vergehen, bis man die Headlines einer Broschüre gesetzt hatte. Das war nichts für Leute mit wenig Geduld. War alles fertig, wurde das Papier fixiert und gewässert, gefönt und ausgemessen. Schließlich musste das Ganze noch auf das korrekte Maß verkleinert werden.

Hier kam die Reprokamera zum Einsatz. Ein monströses Gerät, ca. 1,50 m hoch und 2 m breit, das einen eigenen abgedunkelten Raum erforderte. Sämtliche Texte, Logos oder Rasterungen wurden an dieser Kamera vorgenommen. Ein schneller Dreisatz lieferte den korrekten Vergrößerungs- oder Verkleinerungsfaktor und den Rest erledigte die Kamera. Automatisch fuhr der Tisch in die richtige Höhe und man konnte nach ca. 20 Sekunden Belichtungszeit ein Fotopapier in die Entwicklungsmaschine stecken. Auch das war ein Vorgang, der sich nicht beschleunigen ließ. Entwickeln, Wässern, Fixieren, Wässern, trocknen… Endlich ging es weiter mit der Reinzeichnung. Auch unsere Headline hatte jetzt die richtige Größe und konnte aufgeklebt werden. So entstand Seite für Seite.

Fotos konnten nicht im Haus bearbeitet werden. Und auch die Farben, die bei der Rasterung entstehen, bedurften der Zuarbeit einer Reproanstalt wie Reprodukt oder Spektrum. Dort wurden die großformatigen Dias auf die gewünschte Größe gebracht und die Bilder für den späteren Druck gerastert. Das Ergebnis, das aus der Litho kam, waren seitenglatte Offsetfilme. Diese Filme konnte man proofen, also einen ersten Farbabzug zur Probe anfertigen.

Per Kurierdienst wurden die Filme und das Proof als verbindliche Vorlage quer durch Hannover zu den Druckereien geschickt. Für größere Projekte konnten zwischen Reinzeichnung und Drucklegung zwei bis drei Wochen vergehen, bis alle erforderlichen Arbeiten abgeschlossen waren.

Es war eine schöne Zeit. Alle handwerklichen Tätigkeiten in der Druckvorstufe (Reprovorbereitung) haben mir viel Freude gemacht. Heute haben sich viele Arbeitsbereiche zu einem engen Workflow verschmolzen, welcher ohne weiteres von einer Person bearbeitet werden kann. Viele dieser Bereiche kontrollieren zu können, empfinde ich als Bereicherung. Manchmal frage ich mich allerdings, ob den grafischen Arbeiten und Drucksachen im Zeitalter von Copy & Paste noch der selbe Wert beigemessen wird, wie früher. Ein Schnellschuss hier, mal eben was erledigen, was vergessen wurde – heute ist vielleicht möglich, was damals niemand zu fragen wagte. Aber heute wie damals wird gedacht, gearbeitet, gedruckt, geworben – alles nur ein wenig schneller.

Zwei Dinge haben sich mir bis heute erhalten. Ich empfinde es als äußerst befriediged, mit Spezialisten zusammenzuarbeiten, die ihr Handwerk verstehen. Und ich spüre immer noch dieselbe Vorfreude, wenn eine druckfrische Sendung angeliefert wird und man endlich das Ergebnis einiger Stunden Konzeption und Grafik in Augenschein nehmen kann.

Comments (1)

  1. martin lehmann

    11. July 2013 at 18:17

    … ja, das waren noch zeiten, als den setzerlehrlingen in den ersten tagen noch bleiläuse gezeigt wurden, als der altgehilfe sie losgeschickte, um den spazienhammer zu holen. es wurde mit cicero und punkt gemessen, satzbreiten in konkordanzen berechnet und beim ablegen gab es hin und wider fische, vielleicht sogar zwiebelfische. mit der heutigen technik sind die gestalgungsmöglichkeiten ungleich vielfältiger. dafür sind die kundenansprüche aber auch ungleich grösser. in jedem fall ist es gut, ein solides handwerk gelernt zu haben, denn der nachteil des heutigen “jeder kann computer” ist im ergebnis mitunter gruslig und voller fehler. verachtet nicht die alten barden! gott grüss’ die kunst!

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